RADS & GGoG – Revolutionary Powerful Grrrl*Bike*Gangs

Wenn ihr euch die Frage stellt in welchen Kontexten oder von welchen Seiten ihr Feminismus erlebt, was würdet ihr darauf antworten? Da ist der Feminismus den einige an der Uni mitbekommen oder lernen, voller Theorien und Wissenschaft, der Feminismus der deine Meinung von oben bestimmt. Dann der Feminismus der Popkultur, oberflächlich und neoliberal, der Feminismus den du frontal aufs Auge gedrückt bekommst. Selbst das Gendermainstreaming ist für manche feministisch und doch eigentlich bloß demokratischer Staatskompromis, der dich von hinten schubst bis du fällst. Nicht zu vergessen der Feminismus der Organisationen, der von politisch aktiven Feminist*innen getragen wird, die solidarisch an deiner Seite stehen. Und dann noch diese ganzen unterschiedlichen Strömungen und Dogmen, deren Einfluss unterschiedlichste Auswirkungen hat und manche vergessen lässt wofür das F-Wort steht.

Feminismus, das bedeutet für uns gegen Sexismus und jegliche Form der Unterdrückung zu kämpfen, da Unterdrückungsmechanismen und Hierarchien eng miteinander verknüpft sind und alle betrifft. Feminismus von unten, das ist für uns niederschwelliger Aktivismus der ohne hierarchische Institutionen und Zugeständnisse auskommt. Eine mögliche Form des Zusammenschlusses von Feminist*innen von unten, sind Banden. Organisierte Kleingruppen oder Affinity Groups, die offen und solidarisch miteinander umgehen und als mobile safe spaces funktionieren. Anstatt unsere Körper zur Austragungsstätte politischer Kämpfe werden zu lassen, gebrauchen wir sie doch selbst als subversive Mittel im Kampf gegen die Unterdrückung und Einschränkung. Körper, die sich zusammenrotten und gemeinsam agieren. Wie oft wünschen wir uns nicht solidarische Stimmen die uns supporten und wie oft ist uns dieser Wunsch gar nicht bewusst?

RADS steht für Radical Anarchist Dangerous Sisters und ist ein Zusammenschluss von FLINTQ-Personen, welche die Leidenschaften für Fahrräder, Feminismus und Kunst oder besser gesagt Vandalismus im öffentlichen Raum verbindet. Bei GGoG, den Grrrl*Gangs over Graz ist das sehr ähnlich, wobei der Fokus auf die kreative Auseinandersetzung mit dem Thema Street Harassment in Form von Street Art liegt. Verbündetenschaft, Solidarität und gemeinsame Aktionen liegen also mehr als Nahe, bewirken Sichtbarkeit für politische Positionen, die Umkehr des konstruierten Konkurrenzverhältnisses und bestärken uns in unseren Vorhaben und Zielen.

Gemeinsamkeiten sind auch eigene Betroffenheiten von patriarchalen Herrschaftsverhältnissen aus den individuellen Subjektpositionen als FLINTQ-Personen. Darunter fallen bspw. das alltägliche Erleben von Kommentaren und körperlichen Grenzüberschreitungen im öffentlichen Raum, oder Unsichtbarmachung in cis-männlich dominierten Subkulturen. Der Entschluss, jene Erlebnisse nicht zu individualisieren, sondern sie aus einer queerfeministischen Perspektive in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen und Machtdynamiken zu setzen um daraus eine Analyse zu formulieren, eint uns ebenfalls. Aus jener politischen Betrachtung, eine solidarisch widerständige und subversive Praxis zu entwickeln, welche uns empowert und langfristig nichts weiter als den Umsturz des Bestehenden zum Ziel hat, erscheint uns als unumgänglich!

Street Harassment und öffentlicher Raum

Der öffentliche Raum wird begriffen als durchzogen von sich verschränkenden Machtstrukturen und der realen Schaffung eines Raums an dem die patriarchale Dichotomie von Öffentlich und Privat zur Wirklichkeit wird. Demnach bestehen klare Normen darüber, WEM es zusteht sich den öffentlichen Raum WIE anzueignen, und das durchzieht sich durch jegliche Verhandlung davon. „Frauen“körper werden gemäß einer hegemonialen Schönheitsnorm dargestellt, welche jene Körper sexualisiert und objektifiziert, nicht binäre Körper unsichtbar macht und alle von jener Norm abweichende Körper degradiert und dadurch zur Zielscheibe für Sanktionen konstruiert.

Aktive und selbstbestimmte Nutzung sind dominanten Gruppen vorbehalten, während dies für depriviligiertere Gruppen eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Rollenzuschreibungen und die Zurückdrängung in „das Private“ bedeutet. Street Harassment und jegliche Form der Sanktion und Gewalt, welche innerhalb von Herrschaftsverhältnissen von Oben nach Unten verlaufen, begreifen wir nicht als zufällig, sondern als Ausüben von Macht und Zurückverweisen an vorhergesehene Plätze innerhalb von Machtkonstruktionen. Transidente und intergeschlechtliche Menschen, sowie nicht-weiße LGBTIQ-Personen haben durch das Zusammenwirken mehrerer Diskriminierungsformen ein besonders hohes Risiko Übergriffe und Diskriminierungen zu erleben. Einzelpersonen sind im öffentlichen Raum sehr häufig von Gewalt betroffen. Als Konsequenz daraus werden dann Vermeidungsstrategien wie das Assimilieren im öffentlichen Raum und Verschwinden in private Safe Spaces angewandt. 1Der Ausschluss aus dem öffentlichen Raum beginnt schon im Kindes- und Jugendalter. Wenn im Sandkasten vielleicht noch Mädchen und Jungen gemeinsam spielen, sind öffentliche (Sport-)Plätze ab einem gewissen Alter hauptsächlich männlich besetzt.2 Wenn Frauen*trans*inter*non-binary und Mädchen* den Raum besetzen, also an einem Ort verweilen, nehmen sie zumeist eine beobachtende, passive Rolle ein – zum Beispiel als Mütter* am Kinderspielplatz. Ebenfalls betroffen sind wohnungs- und obdachlose Menschen die, zusätzlich zur Verdrängung durch Gentrifizierung, Gewalt im öffentliche Raum erfahren. Die Ungleichverteilung von Kapital und Eigentum, und die u.a. daraus resultierenden (Un_)Möglichkeiten Zugang zu Ressourcen wie bspw. Wohnraum zu gewährleisten, produzieren ein gesellschaftliches Verhältnis in dem derAnteil an wohnungslosen Menschen und Übergriffen auf jene stetig steigt.

Was dagegen tun?

Staatlich implementierte Maßnahmen zur Herstellung von Sicherheit im öffentlichen Raum verhandeln sich entlang von Machtachsen und reproduzieren jene Herrschaftsverhältnisse mit, die wir als Ursprung von Betroffenheit von Street Harassment ausmachen. Stadtplanerische Maßnahmen, zivilgesellschaftliche Projekte und politische Aufklärungsmaßnahmen zum Thema Street Harassment sind zumeist selbst in einem institutionellen Rahmen verankert, den sie nicht in Frage stellen. Antwortstrategien zu Street Harassment sind nämlich auch stark abhängig von intersektionellen Diskriminierungserfahrungen, so werden zum Beispiel Selbstverteidigungskurse eher von weißen Frauen besucht, während WoC aufgrund institutioneller Diskriminierung andere Sicherheitsstrategien suchen.3 Institutionelle Diskriminierung, das bedeutet zum Beispiel rassistische mediale Berichterstattung und rassistische Vorurteile von Seiten staatlicher (Repressions-)Organe.

Revolutionary Powerful Gangs“

Daher bewegen sich unsere Vorschläge als Queerfeminist*innen* von Unten in Richtung Selbstorganisation, Kreativität, Solidarität und kollektives Empowerment in Abgrenzung zum Staat. Der Zusammenschluss zu einer queerfeministischen FLINTQ-Bande, hat das Potential im öffentlichen „Angst-Raum“ einen subversiven, im Falle einer Fahrradgang sogar einen mobilen, Schutzraum für jene zu schaffen. Gleichzeitig stellt dieser neu kreierte Raum und die Selbstinszenierung als Bande oder Gang einen Angriff auf patriarchale und sexistische Machtstrukturen dar. Ein gemeinsames starkes Auftreten – wie zum Beispiel mit Trillerpfeifen auf Fahrrädern oder als Paste-ups auf den Wänden der Stadt mit Waffen in den Händen – schafft einen Wiedererkennungswert und ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Im Gegensatz zu den meist cis-männlichen Banden oder Gangs schaffen feministische Zusammenschlüsse noch etwas anderes: sie wirken empowernd für diejenigen, für die sie eintreten. Eine subversive Aneignung und das Spiel mit maskuliner Härte, sowie das Demaskieren derselben bricht mit Geschlechternormen. So wie die Grrrl*Gangs Paste-ups FLINTQ-Personen in selbstdefinierten und zur Werbeindustrie konträren Posen zeigen, bedeuten die in einer feministischen Bande vereinten Körper eine Abwendung von den tradierten Rollen, welche „Frauen“ im öffentlichen Raum ansonsten zugesprochen werden. Die Körper die bei Street Harassment im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, entziehen sich dadurch aktiv einer sexualisierten Ebene. Mehr noch, durch den queerfeministischen Aktions-Konsens der sie vereint, wehren sie sich aktiv gegen Sexismus. Gleichzeitig werden hegemonial-männliche Organisationsstrukturen in Frage gestellt, da sich die feministische Bande mit Machtstrukturen auseinandersetzt und keine Hierarchien zulassen kann.

Was tun die RADS und GGoG dagegen?

Das Schaffen sichererer Räume im öffentlichen Raum für uns selbst und andere bietet Möglichkeiten uns zu empowern und zu unterstützen. Mit dem Blick aufs große Ganze und einer Kritik an allen unterdrückenden Herrschaftsverhältnissen und ihren Auswirkungen auf individuelle Positionierungen, können wir uns mit Betroffenen solidarisieren und daraus Praxen entwickeln. Isoliertheit, individueller Aufstieg und die Zurechtrückung der gesellschaftlichen Verhältnisse für die eigene Gemütlichkeit, sind keine Option. Eine umfassende Kritik auch als Angriff zu verstehen und ein radikales Auftreten, verwenden wir um nicht im institutionellen Sumpf des Reformismus stecken zu bleiben. Durch den Vandalismus und jene Kritik bewegen wir uns an der Grenze zur Illegalität oder überschreiten diese. Daher bedarf es unbedingt der Solidarität mit Personen die dadurch rechtsstaatliche Konsequenzen erfahren. Der Unterschied sich in einer politischen Gruppe zu organisieren, theoretisch zu arbeiten und Aktionen zu planen oder sich als feministische Bande oder Gang zu organisieren ist gering. Letztere ermöglicht vermutlich eher als erstere ein subversives Auftreten und das Zeigen einer Attitüde, das Vorleben eines Lebensstils, der widerständig ist und Dinge selbst, aber mit der Macht der Gruppe, in die Hand nimmt.

Aktionen in dunklen Parks oder auf großen Plätzen, Aktionen an Orten die cis- männlich besetzt werden und sind, Aktionen die zum Beispiel Lautstärke, laute Musik, etc. beinhalten, die mit Absicht Aufmerksamkeit und Irritation bewirken, das Aufladen des öffentlichen Raums mit politischen, radikalen und queerfeministischen Botschaften durch Graffiti, die Darstellung von Frauen*inter*trans*non-binary* und Mädchen* in selbstbestimmten und selbstdefinierten Posen als Paste-Ups – Das alles verstehen wir als Praxen von Queerfeminist*innen* von Unten, und sind die Dinge die wir tun. Gleichzeitig sind sie auch als Vorschläge und Einladung formuliert, für Menschen die aktiv werden wollen und weitere emanzipatorische Gangs bilden wollen.

Wir sind der Feminismus von unten, weil wir das System untergraben wollen. Anti-hierarchische Strukturen erschaffen wir nicht mit falschen Kompromissen und reformistischen Ideen. Wir sind der Feminismus von unten weil wir an der Wurzel sägen. Wir glauben dass feministische Forderungen radikal sein müssen, um zur befreiten Gesellschaft zu gelangen. Wir wollen nicht nur Räume aufsuchen können in denen wir uns safe fühlen, sondern wir wollen Räume besetzen um uns safe fühlen zu können.

Es ist eine eigene Stärke die durch die gemeinsame Organisation entsteht und die sich überträgt auf andere, die daran teilhaben oder die am Rande gestreift werden.

Anstatt zuzulassen dass sich die Wut auf das System in die allbekannte Ohnmacht und Resigniertheit verwandeln kann, welche Kompromissen und Zugeständnissen immanent sind, lasst doch die Wut Wut sein. Queerfeministische Aufladung, Rückeroberung und Einnahme des öffentlichen Raums von Unten auf revolutionär solidarische Art und Weise – das und noch viel mehr passiert, wenn sich die beiden Banden für die gemeinsame queerfeministische Sache zusammentun und nachts als Gang durch die Straßen ziehen!

Für eine kritische und kreative Auseinandersetzung mit heteronormativem Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus, Kriminalität, Machtstrukturen und für Solidarität und aktives Handeln.

BIG QUEER REBEL HUGS from beyond, RADS und GGoG

1 https://www.profil.at/shortlist/gesellschaft/safe-spaces-lgbtiq-personen-ort-heilung-austausch-10241357

2 Becker, Ruth: Angsträume oder Frauenräume? Gedanken über den Zugang von Frauen

zum öffentlichen Raum. In: Feministisches Kollektiv (Hg.); Street Harassment.

Machtprozesse und Raumproduktion. Wien: Mandelbaum. 2008. 66

3 Vgl. Logan, Laura S.: Fear of Violence and Street Harassment: Accountability at the

intersections. Kansas State University. 2013

zu finden in der Frauen*forscherin 2018/2019
Feminismus von unten!